Copyright © Leseseite Verlag

 

 

Leseprobe, 1. Kapitel 

          

 

 

 

 


Alessios Abenteuer im  

Wunderland

von

Laura Guizzy

 

Lewis Carrolls Erzählung aus dem Englischen übersetzt,
gekürzt, verändert, ergänzt.


Copyright © 2013 by

Leseseite Verlag, Essen/Ruhr, D
Alle Rechte vorbehalten
Coverbild: Bart Verburg, NL

 

ISBN: 978-3-944984-00-1 

 

 




Einführung

„Im Absurden
vermag der Geist
einen Ausweg
aus allen beliebigen
Schwierigkeiten
zu finden.“
André Breton




 

Brunnenflug

 

Hallo! Mein Name ist Alessio. Alessio Oissela! Kennt ihr das Wunderland? Ich werde euch von den Abenteuern, die ich dort erlebt habe, erzählen.

 

Wir machten einen Ausflug. In einem Museum sah ich zum ersten Mal echte Ritterschwerter. Danach gingen wir in ein Café und trafen Verwandte, die ich noch nie gesehen hatte. Sie redeten und redeten. Nichts davon interessierte mich. Da war noch ein Junge. Aber er schaute immer auf seinen Teller, wenn ich ihn ansah. Als ich mit meinem großen Eisbecher fertig war, wurde ich müde. Meine Tante bekam einen Hustenanfall und fragte mich: „Alessio, sollen wir zum Fluss hinuntergehen?“

Sofort stand ich auf und ging zum Ausgang. Alle schauten mir hinterher und lachten. Ich hatte noch nie darüber lachen müssen, wenn jemand aufgestanden und zur Tür gegangen war und dachte, die Erwachsenen sind ganz schön merkwürdig.

 

Wir holten meinen Rucksack und eine Decke aus dem Auto meiner Tante und suchten einen großen Baum aus, unter dem wir uns dann setzten. Es war sehr heiß an diesem Tag.

Meine Tante las in einem Buch, und ich schaute in meinem Rucksack nach, was ich alles eingepackt hatte.

 

Ein weißes Kaninchen hoppelte vor uns durch das hohe Gras. Ich legte mich auf den Bauch und bewegte mich wie ein Indianer zum unteren Rand der Decke, um es zu beobachten. Es hatte rote Augen, und es trug eine Weste.

Vielleicht gehört es zu dem Museum, das wir gerade besucht haben, dachte ich. Was war das? Ich rieb mir die Augen. Nein, ich hatte mich nicht getäuscht. Das Kaninchen schaute auf eine Uhr, die es aus seiner Westentasche gezogen hatte. Und jetzt sprach es sogar.

„Oh je, oh je, ich werde zu spät kommen.“

Sobald es die Uhr zurückgesteckt hatte, flitzte es davon. Neugierig rannte ich ihm hinterher, bis es in einem großen Erdloch verschwand.

Dort angekommen, kletterte ich hinein und setzte mich in die Hocke. Vor mir erstreckte sich ein langer Tunnel.

Nichts spricht dagegen, ein paar Meter hineinzukrabbeln, dachte ich. Die Erwachsenen bleiben garantiert noch eine Ewigkeit im Café.

Doch plötzlich sackte der Boden unter mir ab. Noch bevor ich darüber nachdenken konnte umzukehren, ging es steil ab in die Tiefe.

Es sah so aus, als wäre ich in einen alten tiefen Brunnen gefallen. Genauer gesagt in einen Windbrunnen, denn ich fiel sehr langsam, so als würde ich fliegen. Windig wie beim Skydiving war es aber nicht. Ich saß wohl genau auf einem Luftstrahl. Vielleicht wird hier ein neuer Fahrstuhl getestet, dachte ich. Während ich fiel, konnte ich alles um mich herum betrachten. An der Brunnenwand hingen Küchen- und Bücherregale und dazwischen immer wieder Spielkarten. Ich sah ein Glas Schokoladencreme und nahm es. Doch als ich den Deckel abgedreht hatte, um mit dem Finger etwas herauszunehmen, war es leer. Scherzartikel dieser Art gefielen mir nicht. Deshalb stellte ich das Glas an der nächsten freien Stelle in den Regalen wieder ab.

Ha, dachte ich, nach so einem langen Fall wie diesem hier, müssen sie sich zu Hause keine Sorgen mehr darüber machen, dass ich von der Leiter fallen könnte.

Es ging tiefer und tiefer und tiefer.

Hat dieser Brunnen denn überhaupt kein Ende?, fragte ich mich. Wie viele Kilometer habe ich wohl zurückgelegt? Wahrscheinlich bin ich schon in der Mitte der Erde angekommen. Vielleicht geht es weiter, bis ich auf der anderen Seite wieder herauskomme. Dann bin ich in Australien bei den Aborigonis, oder wie die heißen.

Tiefer und tiefer und tiefer. Langsam wurde mir langweilig. Immer das Gleiche: Bücherregale, Küchenregale, Spielkarten. Um nicht während des Fallens einzuschlafen, führte ich Selbstgespräche.

„Hu, mein liebes Hündchen, du wirst mich heute Nacht vermissen. Hu, mein lieber Hu, warum habe ich dich nicht mitgenommen? Hoffentlich geben sie dir etwas zu fressen. Wenn nicht, dann musst du Kaninchen jagen. Und nagen. Jagen.“

Vor Müdigkeit konnte ich nicht mehr sprechen und malte mir aus, wie Hu zu mir finden könnte.

Hu jagt einem Kaninchen hinterher. Das verschwindet in dem großen Erdloch am Fluss. Hu springt ihm hinterher. Sein Sprung ist so gewaltig, dass er viel schneller als ich im Brunnen hinunterfällt. Ja, er wird mich einholen. Ich kann ihn schon über mir hören. Nur noch wenige Meter und er landet auf meinem Schoß.

Plumps! Ich saß auf einer Anhäufung von dünnen Zweigen und Laub. Der Abwärtsflug war zu Ende. Über mir war nicht der kleinste Lichtstrahl zu sehen.

 


 

 

 

 

 

 








  

 

 

 

 

00084803